Elend und Segen einer Krise: Man denkt nach. Und
lässt als Motor-Journalist einen Banker zum Krisen-Thema eine
umfassende Darstellung schreiben. Erleben wir Ähnliches wie bei der
Immobilienkrise nun auch bei der Automobilindustrie?
Wenn ich den VDA,
bezw. seinen Präsidenten, tönen höre, dann muss ich nicht wissen, dass
der aus dem politischen Geschäft kommt. Genau so glaubwürdig sind für
mich da seine Prognosen. Und wenn ich mit Automobilhändlern spreche,
dann weiß ich, dass mir die vielen statistischen Zahlen evtl. eine
Traumwelt vorgaukeln. - Ein Händler mit sieben Verkäufern sagt mir im
August, dass er mit den Juli-Verkäufen sehr zufrieden sei. "Immerhin
haben wir..." - und er nennt mir eine dreistellige Zahl, die vorne mit
einer Zwei beginnt. - Neuwagen? -
Nicht unbedingt, da er aber überwiegend Automobile aus dem
Hochpreissegment verkauft habe.... - ??? - Für ihn: mit guter
Rendite. Für seine Kunden: zu günstigen Preisen. - Keine weiteren
Erklärungen! - Ich brauche ein paar Wochen, bis ich ihm nach einigen
Gesprächen das Geheimnis seines Geschäftserfolgs entreißen kann: er
kauft die Fahrzeuge von seinem Hersteller, durchschnittlich 6 Monate
alt, mit einer Kilometerleistung um 10.000, mit einem Rabatt von 60
Prozent. Da er so die Automobile mit einem Nachlass für den Kunden von
50 Prozent anbieten kann, läuft sein Geschäft wirklich prima. Zumal er
die Fahrzeuge vom Werk immer in größerer Stückzahl kauft und bezahlt. -
Automobilpreise - und ich meine damit die sogenannten "Listenpreise" -
sind heute "Mondpreise". Denn sie müssen "0 Anzahlung" und "kleine
Leasingraten" ertragen. Und die Hersteller müssen das vertragen. Durch
ihre Kalkulation, die sich dann bei der Finanzierung (oder Leasing)
über die firmeneigenen Banken minimiert. Da werden Neufahrzeuge beim
einem Händler - nur als ein anderes Beispiel - mit hohem Rabatt an die
Kunden verkauft. Ein kleiner Haken ist
dabei: die Fahrzeuge müssen drei Monate auf eine Autovermietung
zugelassen werden. - Ich könnte weitere Beispiele nennen, die nicht für
einen Aufschwung im Automobilgeschäft sprechen. Der Autor nachfolgender
Zeilen nennt (und kennt) solche Beispiele nicht, aber er fragt -
berechtigt - im Titel seiner Geschichte:
Subprime* im Autogeschäft?
08-09 -10/07. -
Es ist bekannt, dass der
amerikanische Traum seit Jahrzehnten fremdfinanziert wird. Doch nach
welchen Regeln? Mit in Deutschland vergleichbaren jedenfalls nicht.
Wenn man heute die Krise analysiert, kommt einiges zum Vorschein, das
nicht so gerne kommuniziert wird. Da wird dann immer gleich die Frage nach
der Verantwortlichkeit gestellt.
Es war ja komplett
einfach, auch mit geringem Einkommen - oder auch ohne selbiges - an das nötige
Geld für den jeweiligen Traum zu kommen.
Das gilt für
Hausfinanzierungen, gleichermaßen aber auch für
Kfz-Finanzierungen oder Reisen. - Sicherheiten? Wozu? - Geld war doch
vorhanden.
Es ist davon auszugehen,
dass der durchschnittliche amerikanische Haushalt mit rund 10000
Dollar verschuldet ist, ohne die Hypotheken für den Kauf einer
Immobilie einzurechnen! Wer dringend Geld braucht, greift dann auch
schon mal zu unsauberen Mitteln. Firmen vermitteln Kredite mit
gefälschten Unterlagen.
Ein Teil der Schuld für die heutige
Situation geht auf das Konto der windigen Kredit-Vermittler. Der
Großteil der Verantwortlichkeiten bleibt aber bei der ach so
seriösen Finanz-Industrie und deren Kontrollen.
Einkommensschwache Bevölkerungskreise wurden mit Krediten
geradezu überhäuft, zugeschüttet.
Was passierte dann?
Die Entwicklung war so
lange zu beherrschen, wie die Immobilienpreise ständig neue
Höchststände erreichten und notleidende Bankkredite durch
Veräußerung der belasteten Häuser getilgt werden
konnten. Das System brach zusammen, als die Hauspreise in den USA ein
Niveau erreichten, bei dem es kaum noch Käufer gab. Die
Hypothekenzinsen stiegen, die Immobilienpreise sanken und viele
Hypotheken waren nicht mehr durch den Grundstückswert gedeckt:
„Subprime“ war geboren, schlechte Risiken.
Jetzt ging es los.
Unendlich viele dieser „Subprime-Kredite“ wurden in einer Art Fonds zu
neuen Produkten zusammen gefaßt und weltweit gehandelt. Hier
kamen dann neben seriösen Kreditinstituten auch alle Hasadeure
dieser Welt auf den Plan und machten das ganz große Geld. Die
US-Krise hat uns in Europa und Deutschland längst erreicht,
nehmen wir nur die IKB oder die Sachsen-LB. Da fliegen einem die
Milliarden-Verluste nur so um die Ohren. Aber was machen wir mit den
Verlusten? - Natürlich, die werden sozialisiert, sagt man. - Sie
verstehen das nicht? Der Steuerzahler zahlt!
Das machen die Amerikaner
bekanntlich mit ihren beiden größten Hypthekenbanken
genauso. „Der Staat übernimmt“.
Finanz-Tsunami?
Just letzten Sonntag gab
der FDP-Lenker Westerwelle in den Anne-Will-Show in die deutsche
Runde: „Wir stehen vor einem großen wirtschaftlichen
Abschwung in diesem Land“. Das passt zur Einschätzung von
Prof. Hans-Helmut Kotz, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank,
der Ende August bei einem Vortrag in Mainz freimütig bestätigte,
dass wir uns mitten in einer Vertrauenskrise befinden. „ Bei der
Realwirtschaft ist die Krise noch gar nicht angekommen.“ Also
Infektion auf andere Bereiche? Ein klares Ja von Hans Helmut Kotz. In
erster Linie sei der Automobil-Bereich betroffen. Und den trifft es zu einem denkbar
schlechtem Zeitpunkt.
Besonders hart hatte
bereits der Mehrwertsteuerschock 2007 die deutschen Autohändler
gebeutelt. Im Gesamtjahr ging der Neuwagen-Verkauf in dessen Folge bekanntlich
um 300.000 zurück. Diagnose: Käuferstreik im
Privatkunden-Bereich. Gerettet hatte in 2007 die Auslands-Nachfrage.
Sagt man, wenn man die Exportzahlen nennt. Export nennt sich aber
auch der Transport von neuen Automobilen auf noch vorhandene
Abstellplätze im Ausland.
Im Inland tobt derweil
eine nie da gewesene Rabattschlacht. Wer mit offenen Augen durch
unsere Republik fährt, sieht ganz neue Standorte, an denen Autos
auf Halde stehen. Die suchen alle einen neuen Käufer. (Darum
mehr Export?)
Was passiert derweil in
den USA, dem Ausgangspunkt der Krise?
Die amerikanische
Autoindustrie drängt die US-Politik, ihr ein 50 Mrd. $
-Kreditprogramm zu verschaffen. Was die Hypthekenbanken Freddie Mac
und Fanny Mae können, schaffen doch die US-Autogiganten auch.
Die beiden Banken stehen mittlerweile unter staatlicher Kontrolle.
Doch damit nicht genug: Schon jetzt unterstützen die Amerikaner
die heimische Flugzeugindustrie und die Stahlhersteller. Mit der
Autoindustrie sucht nun eine weitere Kern-Branche den Schutz durch
den Staat.
So bliebe dann folgenlos,
dass vor allem die „Big Three“ extrem viel verschlafen haben. Die
einzige spürbare finanzielle Folge wäre dann, dass die
meisten Rating-Agenturen die Bonität mehrfach herunter gestuft
haben und somit Kredite spürbar teurer werden.
Die ganze Dramatik wird
deutlich, wenn man die Zulassungszahlen im August 2008 in den USA betrachtet. Da
nennt das Investmenthaus Merrill Lynch folgende Rückgänge
in Prozenten im Vergleich zum Vorjahresmonat:
GM Minus 20,3
Ford Minus 25,5
Chrysler Minus 34,8
Ein Blick nach Europa:
Nach einem Bericht der
französischen Tageszeitung „Le Monde“ wird der französische
Autokonzern Renault 4.000 Stellen aktuell streichen. Der Umsatz in
Europa liege 62 Prozent unter Plan, wichtige Projekte würden
angehalten oder gestoppt. Auch Asien und Afrika kränkeln; man
liege dort 56 Prozent unter Plan.
Die Börsenmeldungen
aus Stuttgart und München sprechen eine ähnliche Sprache.
Wenn dann medial nur noch Smart und Mini als Heilsbringer
herhalten müssen, weiß man, was auch dort die Stunde
geschlagen hat.
Es muß angesichts
dieser Szenarien nicht überraschen, dass einige Experten für
die Hersteller im Premiumsegment längst den großen Kollaps
erwarten. Die entsprechende Nachfrage kommt hauptsächlich noch aus Osteuropa.
Nordamerika und Japan dagegen sind extrem rückläufig.
Großer europäischer Verlierer mit minus 16 Prozent ist Spanien.
Gewinner ist das Kleinwagensegment. Und das kommt aus Fernost. - Wer
hinschaut, erkennt die Krise.
Die Deutschen werden
immer zurückhaltender, wenn es um den Neuwagenkauf geht. Die
Autos auf unseren Straßen sind im Durchschnitt älter als
acht Jahre. Immense Leasing-Rückläufer aus
Finanzierungsmodellen verstopfen zudem die Neuwagen-Pipeline. Wer
weiß, dass Leasing-Finanzierungen rund 50 Prozent der Neuzulassungen
ausmachen, erkennt, welche Zeitbombe da tickt.
Immobilien, Automobil und
dann?
Die Kreditkrise ist längst
auch eine Automobilkrise. Untersuchungen zeigen, dass den
europäischen Automobiherstellern Mehrkosten von bis zu 1.500 €
pro finanziertem oder geleastem Mittelklassewagen drohen. Für
die deutschen Hersteller addiert sich das alleine 2008 auf 500 Mio €.
- Bei fallenden Margen wohlgemerkt! Und hier wird dann auch das
Dilemma der Herstellerbanken deutlich. Diese kamen mit einem Volumen
von 1,35 Mio Fahrzeugen auf einen signifikanten Marktanteil von fast
65 Prozent aller finanzierten oder geleasten Neuwagen! Leasing legte im
vergangenen Jahr 10 Prozent zu, getrieben durch ein 25 prozentiges Wachstum bei
den Privatkunden. Damit dürfte es bald vorbei sein. Erste
Herstellerbanken stellen das Produkt Leasing ein. Warum? Weil sie
sich schlicht nicht mehr refinanzieren können und weil die
Bonität der Kunden immer schlechter wird und Ausfälle
drohen (s. Immobilien).
Ein wichtiger Grund ist
daneben das generell gestiegene Risikobewusstsein der Banken. -
Oder sollen wir es Misstrauen nennen? Angesichts der
massenhaften Kreditausfälle ist es für die Herstellerbanken
deutlich schwieriger geworden, Kundenkredite durch Finanzgeschäfte
mit anderen Banken abzusichern.
Hinzu kommt, dass „moderne
Finanzprodukte“ wie Asset-backed Securities (ABS) zur
Refinanzierung zum Teufelszeug geworden sind. Der Immobilienkrise sei
Dank! - Auto-Kredite werden da längst in einem Atemzug genannt.
Ein Fazit - mal vorsichtig als Frage formuliert - kann da nur sehr
nüchtern lauten: Subprime im Auto? - Sie wollen wirklich eine richtige, klare Antwort? - Der Infekt ist längst da!
MK/N.N.*
*Nomen Nominandum (lat:) bedeutet: "Der Name ist hier einzusetzen."
*Als Subprime-Markt
wird der Teil des so genannten Hypothekendarlehenmarkts bezeichnet, der
überwiegend aus Kreditnehmern mit geringer Bonität besteht..
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