3. März 2017: Lieber Leser!

„Eigentlich würde ich gerne mehr von Ihnen lesen“, sagt mir ein Leser und hat sicherlich kaum eine Vorstellung davon, wie schwer es ist, zu bestimmten Themen zu recherchieren. Das scheint auch vielen Redakteuren so zu gehen, die darum gerne Meldungen oder Geschichten von Agenturen nur oberflächig überarbeitet und evtl. dem Layout entsprechend gekürzt oder gelängt, in ein Druckerzeugnis einbauen. Ins Internet kommt so etwas inzwischen sogar automatisch, selbsttätig, wird sozusagen vom Computer durchgereicht. - Redakteure sind in ihren Redaktionen oft „Vielzweck-Waffen“, arbeiten auf vielen Wissensgebieten. Manchmal hat man den Eindruck, den mal ein Eberhard von Kuenheim – in meinem Beisein – gegenüber einem Kollegen, der gerade die Chefredaktion einer Zeitschrift übernahm, von deren Thematik er bestenfallen einen Hauch verstand, so äußerte: „Ihr Journalisten könnt über alles schreiben und braucht von Nichts etwas zu verstehen.“ - Wir haben damals gemeinsam darüber gelächelt. - Heute kann ich das oft nicht mehr, wenn ich sehe – und lese – wie oberflächlich Kollegen bestimmte Vorkommnisse oder Ereignisse kommentieren. Manchmal haben auch Sachinformationen über bestimmte Dinge – aus meiner Sicht – einen falschen Touch. - Ich mache mir mit Hinweisen auf solche Geschehnisse sicherlich keine Freunde. - Aber die mache ich mir mit manchen Geschichten überhaupt nicht, weil ich damit dann schon mal gleichzetig alle treffe, die dabei eine Rolle, gleich auf welcher Seite, spielen. - Ich möchte auch mit diesem „Lieber Leser“ keinen Schlussstrich ziehen, sondern mal ein Beispiel aufzeigen und ein weiteres Beispiel erwähnen, auf das ich dann in einer späteren Geschichte noch einmal ausführlicher – und mit Details – eingehen werde. - Damit schließe ich nicht aus, dass auch mir mal Fehler unterlaufen können. Aber das ist – aus meiner Sicht etwas anderes – als eine vom Marketing beeinflusste, unreflektierte und auf einen bestimmten Zweck ausgerichtete – eigentlich dümmliche – Meinung eines Redakteurs im Kommentar einer Zeitschrift, die man eigentlich ernst nehmen sollte.

3. März 2017: Lieber Leser!

Morgens stöbere ich schon mal im Internet herum. Man muss Vieles wissen, um Manches zu begreifen. Ich lese also durchaus auch Geschichten zu anderen Themen als Automobil, Motorsport und Menschen, die sich beruflich mit diesen Themen beschäftigen.

Manchmal stoße ich dann – natürlich zufällig – auf Geschichten, die mich dazu anregen, meine Meinung dazu zu überprüfen. Und ich ärgere mich dann schon, wenn ich feststellen muss, dass da mal wieder ein Kollege sehr populistisch und gefällig einen Kommentar verfasst hat, der offenbar von Industrie-Interessen geprägt, versucht, einem Fortschritt das Wort zu reden, der eigentlich nur den Sinn hat - in diesem Fall - die Gewinne der Automobilindustrie zu maximieren.

Ich habe vor Jahren schon bei der gewaltsamen Einführung des ABS für Motorräder vor den Folgen gewarnt. Inzwischen wurde aufgrund der Praxiserfahrung sicherlich dieses System gegenüber den ersten Versionen optimiert, aber es hat sicherlich viele Tote gekostet, die niemand gezählt hat und die auch von Gutachtern nicht dem System zugerechnet werden konnten, weil z.B. nichts im „Fehlerspeicher“ ausgelesen werden konnte. - Aber man sollte nicht vergessen: Es kann dort nur das ausgelesen werden, von dem der Hersteller der Meinung ist, dass es ihm nicht schadet. - Nur das lässt er als Eintrag zu!

Erst vor kurzer Zeit hat mich der „Notruf“ eines Motorradfahrers erreicht, der eine „alte“ BMW (mit einem alten ABS-System) gekauft hatte und dem nun niemand glaubt, dass er nur aufgrund dieses Systems verunfallte. - Ich glaube ihm. - Aber ich glaube auch einem Motorradhändler, der mir versicherte: „Ein gebrauchtes Motorrad ohne ABS ist heute nicht mehr zu verkaufen!“

Moderne Menschen „unserer Zeit“ sind der Meinung, alles – aber auch alles – machen und tun zu können, ohne es gelernt oder Erfahrung auf diesem Gebiet gesammelt zu haben. Motorradfahren ist nichts für Jedermann. Dazu benötigt man sicherlich gewisse Anlagen, die man auch trainieren muss. Oder üben. - Aber wer übt heute noch gerne? - Es geht doch auch ohne. Es gibt für Alles Hilfen!

Keyboards lassen heute mit einem Fingerdruck ganze Akkorde erklingen. - Warum also noch Klavierspielen lernen? Und Motorradfahren ist eigentlich auch keine Kunst mehr! - Macht die Industrie glauben – und gefährdet so Menschenleben.

Beim Autofahren ist das inzwischen ähnlich. Es wird eine Sicherheit vorgegaukelt, die es so nicht geben kann!

Gerade mit der Einführung von Systemen, die den Auto- und Motorradfahrer entlasten, erzieht man praktisch zur Nachlässigkeit, die dann – so liest man inzwischen – in einigen Jahren keine Bedeutung mehr hat, weil Automobile autonom fahren. Und damit noch mal sicherer, weil der Mensch als Fehlerquelle ausgeschaltet wird. - Darum soll auch dann – lt. Verkehrsminister - bei dem wenigstens die Verantwortung bleiben, wenn es trotzdem zu einem Unfall kommt.

Gerade – vor wenigen Stunden – habe ich einen Kommentar gelesen, der aus meiner Sicht eindrucksvoll beweist, wie einfältig heute kluge Kommentare geschrieben werden können, die dann auch noch ernst genommen werden.

Der Kommentar stammt aus der Zeitschrift „Technology Review“ und wurde von einem Reakteur verfasst der – so nebenbei – noch eine intelligente App über eine „UG (haftungsbeschränkt)“ vertreibt. Das ist – nach deutschem Recht – eine Kapitalgesellschaft, die man schon mit 1 Euro gründen kann. Dieser Redakteur ist also ein Mann, der „mitten im Leben steht“ und „weiß wie‘s geht“.

Er hat auch studiert aber wohl inzwischen das Denken verlernt, denn er versucht mit einem – sicherlich eindrucksvollen – Kommentar der von der EU angedachten zwangsweisen Einführung (per EU-Verordnung) von „intelligenten Tempobegrenzern“ das Wort zu reden, wenn er im Titel zu seinem Text schreibt:

„Kommentar zu intelligenten Tempobegrenzern: Weniger Tote oder Freiheit auf Rädern?“

Im Eingang zu seinem Kommentar stellt er zu den Möglichkeiten dieser „Intelligent Speed Adaptation“ (ISA) fest:

„Damit würden Tempolimits automatisch erkannt und die Geschwindigkeit des Wagens begrenzt.“

Am Ende seiner Ausführungen fasst er das mögliche Ergebnis einer möglichen neuen EU-Verordnung zu „ISA“ so zusammen:

„Neben weniger Verkehrstoten hätte das auch noch den Vorteil, dass die Menge an gesundheitsgefährdendem Lärm und giftigen Abgasen im Straßenverkehr sinkt, was Anwohner, Radfahrer und Fußgänger freuen wird. Außerdem kommen alle schneller ans Ziel, wenn der Verkehr gleichmäßiger fließt.

Machen wir also mit intelligenten Tempobegrenzern einen Anfang und retten ganz nebenbei Tausende von Menschenleben.“

Meine Leser müssen sich nicht unbedingt die neue Ausgabe von „Technology Review“ kaufen, sondern können den ganzen Kommentar auch auf „heise.de“ nachlesen. Dieser kleine Ausschnitt soll nur dazu anregen, zu einer eigenen Meinungsbildung zu kommen.

So populistisch wie im Schlusssatz, ist eigentlich die ganze Argumentation bis hin zu den Vorteilen von autonomen Automobilen. Lassen Sie mich hier nur – um diesen „Lieben Leser“ nicht zu lang werden zu lassen - auf die „Rettung von Tausende von Menschenleben“ eingehen.

  • Im Jahre 2016 wurden in Deutschland 3.280 Verkehrstote gezählt.
  • Es gab um 9.000 Tote durch Unfälle im Haushalt.
  • Die Selbstmordrate kann mit um 10.000 Toten angenommen werden.
  • An Sepsis (Blutvergiftung) sterben jährlich wenigstens 70.000 Menschen in Deutschland.

Natürlich weiß ich, welchen volkswirtschaftlichen Schaden jeder Unfalltote verursacht. Jeder Tote ist auch ein Toter zuviel. - Ich kenne die gerne genutzte Argumentations-Palette auf diesem Gebiet. Man liest heute oft, was so geschrieben wird, weil‘s gut beim Leser ankommt.

Der heute die für ihn geschriebenen Geschichten kaum mehr richtig liest. Bestenfalls „quer“. - Weil man keine Zeit hat. - BILD weiß z.B. wie‘s geht: Viele Meldungen auf möglichst wenig Papier. Damit ist ein Leser gut in‘s Bild gesetzt. - Ein „Eycatcher“ sollte nicht fehlen!

Bei Motor-KRITIK war vor Kurzem eine Geschichte zur Bedeutung von FIA und DTM für den „modernen Motorsport“ zu lesen. Dort bin ich – damit die Geschichte nicht eine noch größere Überlänge bekam - z.B. nicht auf eine neue Verordnung des DMSB im Detail eingegangen, sondern habe nur erwähnt, dass es sie jetzt endlich gibt:

„Bulletin 01/2017, DMSB Rundstreckenreglement Anhang 2, Besonderheiten der Nürburgring Nordschleife 2017“

Wie ich dann irgendwo im Internet lese, hat das schon ein anderer Fach-Journalist gemacht, dessen Beitrag dann auch in den Sozialen Medien weiter verbreitet wird.

Hier steht dann genau das, was man beim DMSB gerne lesen und dazu hören möchte. Dazu gäbe es aber schon ein paar Worte mehr zu sagen oder zu schreiben. - Vielleicht muss man es auch dem DMSB auch mal erklären!

Das will ich in nächster Zeit – noch vor dem ersten VLN-Lauf – gerne tun, weil die Gesamtsituation bei VLN-Läufen und 24-Stunden-Rennen auf der Nürburgring-Nordschleife sich durchaus nicht so darstellt, wie das von Fach-Kollegen eingeschätzt wird. - Sie lesen zu wenig, sie hören zu wenig, sie gehen nicht ins Detail, weil auch nur wenige über eigene Erfahrung verfügen.

Auch der Kommentar, den ich zu dem inzwischen veröffentlichten „Bulletin 01/2017“ des DMSB gelesen habe, vergisst Zusammenhänge aufzuzeigen, verweist nur darauf, was der DMSB alles mit seinen „Verordnungen“ Gutes bewirken wird.

Es wird – wieder einmal – Motor-KRITIK sein müssen, wo man Zusammenhänge herstellt und aufzeigt, ein wenig den Vorhang weg zieht, den man vor der hässlichen Fratze eines vom Kapital beherrschten Sports hochgezogen hat. - Und niemand schaut dahinter?

Um meine Leser nicht zu langweilen, möchte ich hier enden.

Fortsetzung folgt!

Wilhelm Hahne

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