Tipp für E-Autohersteller: Besser den Schuh nehmen!

Wenn man sehenden Auges über die diesjährige IAA ging und gedankenvoll die Spreu vom Weizen zu trennen versuchte, dann musste einfach auffallen, dass viele der neuen Angebote an E-Automobilen nicht für eine sinnvolle „artgerechte“ Nutzung, sondern nur als Argumentation dafür zu taugen scheinen, dass man doch alles getan hat, um auch beim Kampf gegen den Klimawandel mit dabei zu sein. Auto-Riesen mit Riesen-Batterien und Riesen-Leistung machen deutlich, wie man mit viel Strom – „grünem Strom“ ! - auch in der Reihe der „Klimakämpfer“ Aufstellung zu nehmen gedenkt. - Denn natürlich sind viele der Ausstellungsstücke nur Visionen, Versionen, die man – wenn es gut geht – ab 2020 zu liefern versucht. - Oder für 2025 in Planung hat!. Und die von den Werbeaufträgen der Industrie abhängige Presse applaudiert, wird zum Claqueur.

Tipp für E-Autohersteller: Besser den Schuh nehmen!

Ich habe von den IAA-Neuheiten den neuen „Honda E“ als ein Angebot empfunden, dass nicht alles können und allen gefallen möchte, sondern dem ein bestimmtes Konzept zugrunde liegt. - Das Ergebnis kostet allerdings 33.800 Euro. - Aber man erhält als Gegenwert ein sinnvolles Stadtauto. Mehr soll es auch nach Herstellerangaben nicht sein. Der Batterieinhalt soll für etwa 200 Kilometer reichen.

Dabei kam mir ein anderes Stadtauto in den Sinn, das praktisch nur die Hälfte kostet! Einem  „e.GO“, der in einem Randgebiet Deutschlands entsteht, wo z.B. Philips seine Produktion aufgegeben hat – und damit Hallen frei wurden, die nun für die Produktion des „e.GO“ genutzt werden. - In Aachen Rothe Erde.

  • Der „e.GO Life“ kostet in seiner  Basisausführung 15.900 Euro und seine Batterie reicht für 100 Stadt-Kilometer.

In Aachen gibt‘s auch die bekannte TH, und an dieser TH arbeitet ein Professor, mit dem ich vor fünf Jahren mehrfach in anderer Sache telefonierte: Prof. Dr. Günther Schuh (60), der dort seit dem Jahre 2002 den Lehrstuhl für Produktionssystematik besetzt, sich aber damit nicht begnügt, sondern insgesamt 11 „Nebenbeschäftigungen“ genehmigen ließ, wovon eine die „e.GO GmbH“ betrifft, wo er als Ideengeber und Geschäftsführer agiert. Dort ist gerade  die Firma Ströer SE & Co. KGaA, Köln mit eingestiegen, weil sie offensichtlich davon überzeugt ist, dass man sich „diesen Schuh anziehen sollte“, weil er auch ein Geschäft zu werden verspricht.

  • Ströer ist ein nicht unbekannter „Außenwerber“ mit 13.000 Mitarbeitern an 100 Standorten, die 2018 einen Umsatz von 1,6 Milliarden Euro erwirtschafteten

Schon beim „Streetscooter“, den Prof. Schuh dann ab 2014 zunächst für die Post baute, musste er bei seiner Angebotsreise durch die Standorte der deutschen Automobilindustrie feststellen, dass man dort nicht verstand, was er mit diesem Projekt eigentlich vorhatte. Man war nicht interessiert:

  • Einen sinnvollen Transporter zu bauen, der mit seiner Antriebs-Technologie in die Zeit passt und den man dank einer entsprechend modernen Fertigung, zu einem entsprechend vernünftigen Preis anbieten kann.

Prof. Schuh ist so eine Mischung von Pragmatiker und Träumer, so ein Typ „zwischen Elon Musk und Jürgen Klopp“, wie die FAZ einmal schrieb. Ich möchte das durch meine persönliche Erfahrung mit ihm – per Telefon – noch mit der Anmerkung ergänzen: Ein wenig eitel ist er auch, möchte anderen gerne beweisen, dass er recht hat. - Als er bei mir in Sachen „Campus“ hinnehmen musste, dass ich die Entwicklung richtig eingeschätzt hatte, war er für mich nicht mehr zu sprechen.

Solche „Macken“ gestehe ich gerne solchen Leuten zu, die immer wieder beweisen, dass sie auf „ihrem Gebiet“ wirkliche Fachleute sind. - Und Prof. Schuh beweist auch mit dem Bau des „e.GO“, dass er wirklich die Position eines Professors für Produktionssystematik bei der RWTH Aachen zu Recht besetzt.

Als ich 2014 mit ihm mehrfach telefonierte, entpuppte sich der Herr Professor als echter Porsche-Fan, der zu dieser Zeit aber einen BMW i8 bewegte. - Von BMW zur Verfügung gestellt. - Der Herr Professor begeisterte sich für die Art, wie man sich – auch auf den Lärm bezogen – geradezu unauffällig von seiner Wohnung zur TH und zurück bewegen konnte. Auf meinen verwunderten Einwand, dass der i8 nun gerade kein gutes Beispiel für ein sinnvolles E-Automobil sei, hat er mir erklärt, dass der Weg von seiner Wohnung zu seiner Arbeitsstelle nur kurz sei. - „Da geht alles voll elektrisch!“ - Heute fährt er übrigens wieder einen Porsche, aber einen Hybrid!

Die BMW-Erfahrung hat ihn sicherlich auch angeregt, sich mit der Produktion eines E-Kurzstreckenfahrzeugs zu einem vernünftigen Preis zu beschäftigen, wobei sein gedanklicher Ansatz ein ganz anderer war, als der, der heute – noch – bei der deutschen Automobilindustrie zu finden ist.
Prof. Schuh hat auf starre Regeln und zeitfressende Projektdokumentationen, Pflichten- und Lastenhefte, verzichtet. Er setzte auf Eigenverantwortung und kleine Teams, die sich selbst organisieren. Das ist bei den „Großen“ der Automobilindustrie heute kaum noch möglich, da diese Firmen – durch ein geradezu „ungesundes Wachstum“ - zu einer Art von Behörde verkommen sind. - Keiner ist noch bereit Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung wird delegiert! - Wie auch die Diesel-Affäre beweist.

So wurde die Produktion des e.GO Life – bewusst! - nicht von Beginn an durchgeplant. Die entstandenen Prototypen und Produktionsabläufe wurden virtuell und real auf ihre Tauglichkeit getestet.

Beim e.GO Life wurden sowohl die internen Einkäufer, als auch die Einkaufsexperten einer Consulting-Firma, die der deutschen  Kloepfel Group (mit Niederlassungen in aller Welt) in die Entwicklung des Fahrzeugs frühzeitig mit eingebunden. - So hört man aus dieser Firma:

„Während die Autokonzerne allein schon in die Entwicklung von Scheinwerfern oder Autositzen Millionen investieren, verzichtete man bei e.GO weitgehend auf derlei kostspieligen Entwicklungsaufwand. Stattdessen überlegte man, welche Bauteile es schon auf dem Markt gibt, die man preisgünstig anpassen kann. Nur das, was e.GO nicht auf dem Markt fand, wurde selbst entwickelt.“

Beim e.GO werden z.B. beim Chassis vorhandene Aluprofile verbaut, weil so die Werkzeugkosten minimiert werden können. So spart man insgesamt, indem man die Fachkompetenz eigener Mitarbeiter und der von eingeschalteten Experten nutzt. So liefert z.B. Bosch den Antriebsstrang.


Aber nun möchte ich auch mit ein paar Fotos zeigen, wie es in der nach modernsten Gesichtspunkten eingerichteten Produktion zugeht und was dabei dann schließlich – für den Kunden günstig zu erstehen – herauskommt: Der e.GO Life 20, das preisgünstigste Produkt aus dieser Fertigung, wiegt 1.150 Kilogramm, hat eine Batterie-Reichweite von 100 Kilometern, benötigt – dank einer Länge von nur 3.345 mm – nur eine kleine Parkfläche, kostet einschl. der Batterie 15.900 Euro. - Davon würde dann noch bei einem Kauf die entsprechende Anschaffungsprämie des Bundes abgezogen.

Es geht also schon günstiger als es z.B. derzeit mit einem „E-Volkswagen“ dargestellt wird. Wobei man auch hier auf die Ausstattungsdetails achten sollte. - Auch auf die fehlenden!

MK/Wilhelm Hahne
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