SIM-Racing: Hier ein Leser-PRO mit der MK-Antwort!

Die Verteidigung der DMSB-Einstellung zum SIM-Racing traf erst nach meiner letzten Geschichte dazu ein, betraf aber meine vorletzte Geschichte. Es gab also nicht nur – wie ich vorher notieren konnte – überwiegend Lesermeinungen, die auch meiner entsprachen. Damit sich auch meine Leser eine Meinung bilden können, veröffentliche ich diese PRO-Meinung hier sozusagen anonym, weil hier der Name auch keine Rolle spielt, lasse aber auch meine Antwort folgen. - Hier folgt zunächst die komplette E-mail des Motor-KRITIK-Lesers, weil ich hier in meinem Medium durchaus nicht einseitig informieren möchte. - Die Argumente meines Leser sollte man kennen und auch werten können - Mein Einstellung zur Wertung des DMSB ist zwar bekannt, aber ich hänge der Leser-Information dann meine Antwort darauf auch hier an, so dass das Lese-Angebot per Saldo stimmig ist und zum Titel passt:

SIM-Racing: Hier ein Leser-PRO mit der MK-Antwort!

...“ich erlaube mir, auf diesem Wege einen Kommentar zum o. g. Artikel zu verfassen. Respektvoller sicherlich, als so manch anderer Kommentar, der Sie nach diesem Artikel erreichen wird, aber nicht weniger deutlich. Ich erwarte keine Zustimmung Ihrerseits, würde mich aber sehr wohl um zumindest einen kurzen Kommentar der Kenntnisnahme freuen.

Sie schildern in Ihrem Artikel Ihre persönliche Erfahrung einer Rennteilnahme an einem 24-Stunden-Rennen unter ärztlicher Aufsicht und stellen fest, dass die Belastung des Fahrers deutlich höher ist, als der untersuchende Arzt angenommen hatte. Nun, in Wahrheit würde Sie das Ergebnis einer identischen Untersuchung an einem Simracer sicherlich genauso überraschen, wir Ihren Arzt dazumal. Als jemand, der beide Welten sehr genau kennt, kann ich Ihnen versichern: die Ergebnisse wären nicht signifikant anders.

Simracing auf Topniveau ist veritabler Sport. Die körperlichen Anforderungen sind nicht zu vernachlässigen, die geistigen Anforderungen immens.

Die im Simracing auftretenden Lenk- und Pedalkräfte mit modernen Eingabegeräten fordern den Fahrer in – mindestens – demselben Maße, wie in einem echten Fahrzeug. „Mindestens“ deshalb, weil Top-Simracer, die statisch auf einem Fleck sitzend naturgemäß kein „Popometer“ zur Verfügung haben, diese Eingabegeräte dazu nutzen müssen, Informationen über den Fahrzustand des Autos über Augen, Ohren und eben Hände und Füße aufzunehmen. Dies führt dazu, dass im Simracing mit permanenten Lenkkräften operiert wird, die jene eines echten GT-Fahrzeugs deutlich übersteigen und eher bei Formelfahrzeugen angesiedelt sind; in der Spitze um die 20 Nm, bei normaler Kurvenfahrt stetig um die 15 Nm. Ein Simracer bewältigt auf diesem Kraftniveau die normalen Lenkkräfte, aber auch Schläge, Bodenwellen, … 20 Nm ist ein Drehmoment, das ein Untrainierter bestenfalls kurzzeitig zu halten in der Lage ist und die ab einem gewissen Lenkwinkel auch trainierte Menschen herausfordert.

Die notwendigen Pedalkräfte beim Tritt auf die Bremse liegen bei von Top-Simracern üblicherweise eingesetzten Pedalen permanent in einem Bereich irgendwo zwischen 82-126kg. Auch hier müssen die fehlenden körperlichen Eindrücke aus dem echten Auto kompensiert bzw. sogar überkompensiert werden, denn höhere Kräfte sind hier gleichbedeutend mit höherer Präzision. Was die „Eingaben“ des Fahrers über Lenkung und Pedalerie angeht, ist ein Simracer auf Topniveau unter dem Strich körperlich eher mehr gefordert, als ein realer Rennfahrer. Letzterer hat körperlich selbstverständlich noch die auftretenden Fliehkräfte zu bewältigen, aber festgeschnallt in einem perfekt angepassten Sitz liegt die Belastung im Wesentlichen auf dem Nacken. Der Rest des Körpers ist nicht übermäßig gefordert.

Die Anforderungen an permanent geschärfte Sinne, Konzentration, Reflexe, Auffassungsgabe sind im Simracing mindestens genauso hoch, wie jene an reale Rennfahrer. „Mindestens“ deshalb, weil der reale Rennfahrer durch die körperlichen Eindrücke, die Fliehkräfte und Fahrzeugbewegungen vermitteln, Informationen „frei Haus“ bekommt, die ein Simracer sich durch die Kombination der „Ersatzreize“ Bild, Ton, Rückmeldung aus dem Lenkrad, erst erarbeiten muss.

Das Verhalten in direkten Zweikämpfen oder im klassenübergreifenden Verkehr mit deutlich langsameren oder schnelleren Autos ist schlichtweg exakt dasselbe, wie in der Realität auch. Hier kann ein Simracer seine wahren Stärken gegenüber dem realen Rennfahrer ausspielen. Während nämlich ein realer Rennfahrer in einem Kalenderjahr auf vielleicht 10 Rennen kommt und in diesen seine Erfahrung, Rennintelligenz, Zweikampfstärke erarbeitet, hat ein Simracer im gleichen Zeitraum ein Vielfaches an Rennen gefahren und in diesen gelernt.

Es ist deshalb auch kein Zufall, dass hervorragende Simracer bei Sichtung im realen Rennauto sehr häufig sehr gut abschneiden. Die Anforderungen an Rennfahrer und Simracer gleichen sich frappierend. In Wahrheit unterscheidet sich die Teilnahme an einem virtuellen Rennen auf höchstem Niveau nur in einem einzigen wesentlichen Faktor von einer Teilnahme im echten Fahrzeug: die nicht auftretenden Fliehkräfte. Es gibt freilich einen weiteren gravierenden Unterschied, der gerne angeführt wird: die Angst vor einem Unfall, Verletzungen und möglichen Kosten. Ich bitte Sie an dieser Stelle aber, selbst nachzudenken, ob diese Angst bei Ihnen im Auto jemals wirklich mitgefahren ist. Ich selbst kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, in meiner aktiven Zeit, im Auto sitzend, jemals akut Angst gehabt zu haben.

Herr Hahne, ich selbst werde in Kürze ? Jahre alt, habe lange aktiv Motorsport betrieben, einige Jahre am Nürburgring gelebt und gearbeitet und bin heute noch viele Male im Jahr bei Trackdays unterwegs. Glauben Sie bitte jemandem, der die reale Rennstrecke über 30, die virtuelle Rennstrecke aber auch schon über 20 Jahre kennt: Simracing im Jahr 2021 mag finanziell erschwinglich und in letzter Konsequenz vollkommen risikolos sein, ja. Aber es ist, professionell betrieben, körperlich und geistig extrem fordernd und in Wahrheit sehr sehr vergleichbar mit realem Motorsport. Ich selbst bin nach 10 Runden realer Nordschleife im 300-PS-Tracktool gerade warm, mit leichten Schweißrändern unter den Achseln. Nach derselben Anzahl Runden im virtuellen Rennen bin ich nassgeschwitzt, körperlich und geistig ausgelaugt.

Natürlich gebe ich Ihnen recht, dass jemand, der auf der Couch sitzend Playstation spielt oder sich ein Plastiklenkrad an den Schreibtisch schraubt, sich nicht mit Motorsportlern vergleichen kann. Wenn sich ein Laie oben am Boulevard in einen der bereitgestellten Simulatoren setzt und ungeübt seine Spaß-Runden dreht, sein Fahrzeug aus der Kontrolle verliert und ohne Schaden zu nehmen in die Leitplanke einschlägt, dann darf man das belächeln. Aber das ist nicht Simracing.

Mit sportlichem Gruß“...


Nur Stunden später – am gleichen Tag - hat dieser Leser dann meine Antwort erhalten. Sie bedurfte keiner längeren Vorbereitung:

...“es ist immer gut, wenn man seine Meinung an einer anderen Meinung überprüfen kann:

Da ist meine Meinung - schon in Kenntnis der "Sportgeräte" eine andere. SIM-Racing ist immer noch mehr oder weniger "Spiel", wenn man es mit "echtem Motorsport" vergleicht. Das beginnt bei den "Sportgeräten".

So ein GT3, wie er auch gerne von SIM-Racern über den Bildschirm bewegt wird, kostet - real - rennfertig um 600.000 Euro. - Was kostet - damit verglichen - eine "Konsole"?

Ein Fahr-Simulator, wie er bei Porsche oder BMW genutzt wird, hat auch einen sechsstelligen Betrag gekostet und ist mit einer SIM-Racing-Konsole nicht zu vergleichen. Aber selbst diese "Profi"-Simulatoren taugen eigentlich nur dazu, um fremde Rennstrecken vor dem eigentlichen realen Renneinsatz dort kennen zu lernen. - Dabei sind sie eigentlich vollkommen überflüssig.

Wer sich als Rennfahrer empfindet und nicht in der Lage ist, jede Rennstrecke auf der Welt nach einem Training von 10 Runden rennmäßig zu umrunden, der sollte das Rennfahren aufgeben! Wirkliche Angst sollte niemals der ständige Begleiter eines Rennfahrers sein, aber ein "ständiger Respekt" ist immer mit unterwegs. Und wenn die Herzfrequenz an bestimmten Stellen einer Rennstrecke immer wieder - jede Runde - deutlich ansteigt, so ist das ein Zeichen dafür, dass der Fahrer mit der richtigen Einstellung - auch zu seinen persönlichen Fähigkeiten (!) - unterwegs ist.

SIM-Racer sind da deutlich "angstloser". Dann auch mit einer höheren Unfallquote (!) unterwegs. - Ich habe Ungeübte lange auf einfachen Konsolen erstmals eine Rennstrecke im Pulk umrunden sehen. Es gab immer (!) Auffahrunfälle, da offenbar die Ausstattung der Konsole auch kein "reales" Bremsgefühl vermittelt. - Es ist eben ein Manko der auch heute noch bei für professionellen "Renneinsatz" genutzten Konsolen, dass man - wie sie richtig schreiben - "ein Simracer sich durch die Kombination der „Ersatzreize“ Bild, Ton, Rückmeldung aus dem Lenkrad, erst erarbeiten muss" - und dann auszugleichen versucht.

Einen guten Rennsimulator kann man heute für rd. 80.000 Euro erstehen. - Aber wo sind solche (teuren) Konsolen denn beim aktuellen SIM-Racing im Einsatz?

Es gibt auch Flug-Simulatoren, die den "Piloten" eine Menge Spaß machen. Entsprechende Programme gibt es für rd. 70 Euro. Der Flugsimulator der Lufthansa in Frankfurt kostet um 20 Millionen Euro!

Haben Sie schon mal in einer Konsole beim SIM-Racing etwas erlebt, wo man auch gegen eines Langstreckenrennens ein Rennfahrzeug mit einer Bremse noch möglichst schnell bewegen musste, bei dem bei der vorderen Scheibenbremse "Eisen auf Eisen" arbeitete und man als Fahrer darauf achten musste, dass da vorne nichts "verschweißte"? Ich könnte andere Beispiele aufzählen, mit denen man beweisen könnte, dass "echter Motorsport" eigentlich nichts mit SIM-Racing zu tun hat.

Wenn Sie im Laufe Ihrer motorsportlichen Einsätze zwischen realem Motorsport und SIM-Racing kaum einen Unterschied festgestellt haben, so nehme ich Ihnen das durchaus ab. Was aber nichts an der Realität ändert: SIM-Racing ist etwas anderes! - Es ist sicherlich genau so wenig sinnvoll, wie im echten Motorsport Material und Mensch an seine Grenzen zu bringen. - Beides ist eben "sinnfreies Tun". - Und darum vielleicht für den Menschen - gerade den Menschen in unserer so modernen Zeit - so wichtig, dass es ihn gibt.

Für den Einen mag das SIM-Racing sein, für den anderen der reale Motorsport, der sich dann auch über die im Innenraum entstehende Hitze, den Geruch von beanspruchtem Material vermittelt.

Ich verstehe jeden Menschen, der irgendeinen Sport, Tennis, Golf oder Fußball betreibt. Ich habe auch Verständnis für Leute, denen das Erlebnis in der Konsole beim SIM-Racing genügt, oder denen der Erfolg bei Kegeln oder Bowling besondere Zufriedenheit bereitet.

Es gibt auch den Angelsportler, dessen Einstellung ich zwar nicht teile, aber respektiere.

Aber ich respektiere nicht, wenn man "Sportarten" in einen Topf wirft, um sie miteinander zu vermischen und dann in einer "Schublade" abzulegen.

So wie ich die Einstellung eines Menschen respektiere, der lieber zu McDonalds geht, als mit Weinbegleitung ein sehr gutes Drei-Gänge-Menue in einem guten Restaurant zu genießen, so respektiere ich auch die unterschiedlichen Einstellungen von Menschen zu unterschiedlichen Sportarten.

Für mich ist aber SIM-Racing mehr eine "spielerische Art" den Motorsport "nachzuerleben". - Vielleicht gibt es irgendwann auch mal SIM-Boxen. Dann würde der Unterschied zu richtigem Boxsport vielleicht deutlicher werden, als zur Zeit der Unterschied zwischen SIM-.Racing und realem Motorsport zu sein scheint.

Herzliche Grüße aus der Eifel“…

MK/Wilhelm Hahne

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1 Kommentar

Gedanken zur SIM-world

Nun also doch ein paar Gedanken, nochmals zum Thema: vor Jahren besuchte ich die Stadt Trier, und habe mir dort ganz viele "alte kaputte Steine" angeschaut...alte verwitterte Münzen...Schmuck...Ihr wisst schon...und mir kam der Gedanke: "Was bleibt von unserer heutigen Zeit denn übrig?" Bits und bites? Plastikmüll? Atommüll? In unserer ach so schönen digitalen Welt wird irgendwer auf das Knöpchen drücken, und *schwupp* DELETE...alles gelöscht? Das führt mich zu der Frage: Was bleibt von einem (gewonnenen) SIM-Rennen übrig? An welche packenden Zweikämpfe erinnert man sich? An welche ausufernde Siegerehrung? An welches tragische Missgeschick? An welche umstrittene Entscheidung der Rennkomissare? Und was unbestritten fehlt: EMOTIONEN! Kein (in der momentanen Zeit leider einzig mögliche) gestreamte Konzert Deiner Lieblingsband kann ein Live-Konzert ersetzen! Kein Besuch in einem Flugsimulator - und sei er noch so technisch ausgereift - ersetzt Dir eine Rolle oder gar einen Looping in einem "echten Flugzeug", ebenso wenig, wie "Bodyflying" den echten Sprung aus einem funktionierenden Flugzeug ersetzen kann. Eine virtuelle Skatrunde wird niemals den Reiz einer "echten" Partie haben...allein das Kibitzen und "Nachkarten" entfällt. Auch die Musik ist ein schönes Beispiel: kein Drum-Computer wird jemals ein gutes Schlagzeug-Solo ersetzen, kein Stimmcomputer eine gute Stimme...das haben selbst schon die alten Orgelbauer erkennen müssen, die immer versucht haben, der menschlichen Stimme am nächsten zu kommen. Und selbst, wenn sich "alle 11 Minuten jemand (im Netz) verliebt"...wo bleibt das Gefühl...die Wertigkeit...das "Bleibende"...? Mit digitalen - aber tatsächlich an der Tastatur sitzenden - Grüßen: Uwe

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