VLN: Eine „Breitensportserie“ und ihre Zukunft

Eigentlich wird es so weiter gehen wie bisher. Die Serie hat sich verändert, wird sich verändern. Und niemand hat‘s gemerkt? - Alle Jahre wieder werden die „Macher“ von der Leserschaft der Zeitschrift „sportauto“ als „Beste Breitensportserie des Jahres“ geehrt. Die Veränderungen der Serie müssen also unauffällig sein. Die „Macher“ stellt das zufrieden. Man empfindet sich auch – mit einer Lastenverteilung auf zwei Firmen – gut aufgestellt. Und der DMSB überwacht die VLN. Und die ILN überwacht beide. - Der Rennstreckenbetreiber und Verpächter der Rennstrecke kann auch nicht klagen. Man ist unauffällig „am Ball“, sitzt sozusagen bei Verhandlungen auf beiden Seiten des Schreibtisches. - Und über Preise und deren Entwicklung spricht man nicht. - Der Teilnehmer zahlt! - Schließlich wird alles teurer. - Und so nimmt die Serie ihren Lauf: Die „Macher“ machen, der DMSB macht es mit  Macht, die ILN stößt notwendige Korrekturen an. - Wirklich? - Und welchen Einfluss hat der ADAC Nordrhein in Köln, mit seinem 24h-Rennen? - Motor-KRITIK wirft mal einen nüchternen Blick auf die Motorsport-Szenerie am Nürburgring.

VLN: Eine „Breitensportserie“ und ihre Zukunft

Es gab in der Vergangenheit auf der Nürburgring-Nordschleife „große Rennen“. Nicht nur die Formel 1 war dort bis einschl. 1976 unterwegs, sondern es gab auch das 1.000-km-Rennen bis 1982. Die Nürburgring-Nordschleife war eigentlich immer für Langstreckenrennen eine geradezu ideale Rennstrecke. - Aus Rennfahrersicht! - Denn wer möchte schon gerne 207 Runden auf der Grand-Prix-Strecke drehen, wie das z.B. 1984 beim 1.000-km-Rennen umsetzt wurde, was dann einer zurückgelegten Strecke von „nur“ 940,194 km entsprach. Auf der Nordschleife fuhr man in der ab 1953 vorhandenen Version exakt 44 Runden und kam auf 1003,64 km.

„Früher“ nahm man eben manches noch genauer. Nachdem die Nordschleife als Rennstrecke nach dem so genannten „Lauda-Unfall“ ab 1976 praktisch tot war, überraschte es nicht, dass ein Mitarbeiter der Nürburgring GmbH der „Promotor“ einer neuen Langstrecken-Serie auf der Nürburgring-Nordschleife wurde, die eigentlich die gedankliche Weiterentwicklung einer „einmaligen Idee“, exakt für die Nürburgring-Nordschleife war: Das 24h-Rennen, das ab 1970 dort – mit Unterbrechungen - durchgeführt wurde.

Das 24h-Rennen und ihr Veranstalter, der ADAC Nordrhein in Köln, haben dann auch mit einer – nennen wir es - „kommerziellen“ Entwicklung, stark die Entwicklung der VLN beeinflusst. Als dieses „Aushänge-Rennen“ kriselte, hatte ein Kölner Unternehmer dem ADAC die Marketingrechte an diesem Rennen abgekauft, um es dann – egal wie – wieder in Schwung zu bringen. Wichtig war: Die „Kohle“ muss stimmen!

Inzwischen ist der Vertrag ausgelaufen und der ADAC betreibt das Rennen weiter „auf hohem Niveau“, was vor allen Dingen dann stimmt, wenn man die Kosten betrachtet – und ihre Entwicklung „über die Zeit“.

Kein Wunder, dass das auf die VLN abgefärbt hat. Sogar in Sachen Klassen-Auf- und Einteilung ist die VLN vom 24h-Rennen beeinflusst. Auch die „Kommerzialisierung“ des Sports hat auf die VLN-Langstreckenserie abgefärbt, die immer noch „wie früher“, der Öffentlichkeit als eine „Breitensportserie“ verkauft wird, die sie eigentlich nicht mehr ist.

Die jährliche wiederkehrende „Ehrung“ als „Beste Breitensportserie des Jahres“ durch „sportauto“ ist eigentlich der Beweis für ein gedankenloses Bewerten durch die Öffentlichkeit, beeinflusst von der guten PR-Arbeit der „Macher“.

Damit sind wir eigentlich schon beim „Heute“!

Da passt dann eine Presseinformation des Veranstalters des 24h-Rennens vom 28. November 2018 gut ins Bild, der informiert, dass es 2019 für dieses Rennen einen neuen General-Sponsor geben wird. Zurich-Versicherungen ist Vergangenheit. Der Vertrag sei beendet. - Verkündet der ADAC.

  • Motor-KRITIK findet: 19 Jahre sind eine ungewöhnliche Vertragsdauer!

2019 wird der Titelsponsor also TOTAL sein, ein französisches Mineralölunternehmen. Das überrascht uns andererseits auch. weil Zurich ein 51-Prozent-Partner bei der ADAC-Versicherungs AG in München ist. Der ADAC hat „nur“ 49 Prozent. Denn: Wer gemeinsam fischt, sitzt auch meist gemeinsam im Boot.

Aber der ADAC wird für das 24h-Rennen 2019 noch nach weiteren Sponsoren fischen müssen, denn außer Zurich sind noch weitere Sponsoren verloren gegangen. Wie zu hören, z.B. auch „Bilstein“.

In der aktuellen ADAC-Pressemitteilung kommt auch ein Matthias Wurm zu Wort, der hier als Geschäftsführer der Sporttotal Live GmbH so moderne Sätze spricht wie:

„Wir möchten uns herzlich bei Zurich für diese lange und freundschaftliche Zusammenarbeit bedanken.“
„Wir freuen uns sehr, dass wir mit TOTAL einen neuen Partner gefunden haben, mit dem wir nun ein neues Kapitel aufschlagen werden und insbesondere die Internationalisierung vorantreiben.“

Die Firma Sporttotal Live GmbH wird uns bei dieser Gelegenheit als „Promotor“ (Initiator) des 24h-Rennens auf dem Nürburgring vorgestellt. Vielleicht glaubt Herr Wurm selbst daran. Er ist immerhin seit dem 15. Oktober 2018 Geschäftsführer des „Promotors“.

Der wirklich „Promotor“ des 24h-Rennens war mir persönlich bekannt. Es war Otto Paul Rutat vom MSC Langenfeld. Die Verhandlungen von seiten des ADAC Nordrhein (damals: Gau Nordrhein) wurden von Willy Knupp geführt, der in jenen Jahren Mitarbeiter des ADAC war. Die meisten Verhandlungen erfolgten in meiner Gegenwart.

Die Sporttotal Live GmbH in Köln war es jedenfalls nicht. - Aber das kann Herr Matthias Wurm, der sein Diplom bei der Sporthochschule in Köln in den 90ern gemacht hat, nicht wissen.

Auch die Vergangenheit dieser nun vom ihm geleiteten Firma ist kurz, sie besteht seit August 2016, war vormals als_wige LIVE GmbH bekannt, die mal den GmbH-Mantel der Altstadtsee 301. VV GmbH zur Gründung nutzte.

Die aktuelle Firma arbeitet unter dem „Beherrschungsvertrag“ der Sporttotal AG. Die hat „unter dem Strich“ zwischen den Jahren 2009 bis 2017 rd. 25 Millionen Verlust bilanzmäßig ausgewiesen, wenn man Gewinne und Verlust miteinander verrechnet. - Auch diese Firma hat eine interessante Vergangenheit. Der derzeitige Aktienkurs liegt bei 1,11 €, das 52-Wochen-Hoch bei 4,69 €, das 52-Wochen-Tief bei 0,93 €..

Die neue Pressemitteilung des Veranstalters, ADAC Nordrhein Köln, ist eigentlich ein Beispiel dafür, wie man heute Motorsport verkauft. Da liest man z.B.:

„Der Kampf von Mensch und Material sowie das Bestehen extremer sportlicher und technischer Herausforderung faszinieren beim 24h-Rennen Hunderttausende Zuschauer vor Ort und ein weltweites Millionenpublikum.“

Man sollte doch mal die Zahlen der verkauften Eintrittskarten der letzten Jahre veröffentlichen und nicht von „hunderttausenden Besuchern“ sprechen und schreiben. Das 24h-Rennen ist aktuell ganz auf die Ansprüche der Industrie abgestellt. Man schwärmt derzeit davon, dass man in 2019 mit „virtuellen Rundenzeiten“ als Basis für die „BoP“ arbeiten wird, um die „Ausgeglichenheit“ mit einem „neuen Qualifikationsmodus“ sicher zu stellen. - Da ist in der entsprechenden Presse-Info zu lesen:

„Bei den von den 24h-Organisatoren in Zusammenarbeit mit Technikexperten und Teamvertretern erarbeiteten Regeln steht die Transparenz über die tatsächliche Leistungsfähigkeit eines Fahrzeuges ebenso im Fokus wie die Förderung der Breitensportler in den schnellsten Fahrzeugklassen.“

„Förderung der Breitensportler in den schnellsten Fahrzeugklassen“. - Man muss sich diese Formulierung auf der Zunge zergehen lassen. - Wenn man die Kosten kennt!

Das 24h-Rennen nimmt hier in dieser Motor-KRITIK-Betrachtung deshalb so viel Platz ein, weil es inzwischen halt zum „Dominator“ der VLN-Serie geworden ist. In Köln würde man sich gerne die ganze VLN-Serie „unter den Nagel reißen“ und neu ausrichten:

  • Weniger Rennen insgesamt, mit dem 24h-Rennen als Höhepunkt.

Von den neun derzeit die VLN-Rennen veranstaltenden Klubs, gehören sechs dem ADAC an, drei sind dem DMV angeschlossen. - Das sollte nachdenklich machen!

Dem derzeitigen Besitzer des Nürburgrings wurde es gut in den Kram passen, wenn es weniger VLN-Rennen geben würde, weil die „Touristenfahrten“ am Wochenende – 30 Euro pro Runde! - eben mehr bringen, als so eine Rennveranstaltung. - Selbst unter Berücksichtigung von 8 Euro Parkgebühr!

Aber da gibt es leider – noch – einen Vertrag, der alle ein wenig bindet und einem „Ex“ zu verdanken ist, der vorausschauend die VLN-Serie in dieser Hinsicht absicherte.

Die „Spitze“ der VLN heute stellt sich neu und anders dar. Bei der Ehrung der Gesamtsieger der Saison 2018 gab es z.B. lt. der Darstellung auf den VLN-Internetseiten folgendes Berichtenswertes:

„Ralph-Gerald Schlüter, der Generalbevollmächtigte der VLN e.V. & Co. oHG, eröffnete die Veranstaltung mit einem Rückblick auf die vergangene Saison. Er sparte nicht mit Selbstkritik und gelobte manche Dinge in Zukunft besser zu machen. Aber vor allem entwarf er ein optimistisches Zukunftsszenario für die populärste Breitensportserie der Welt. „Die Zuschauerzahlen und die Zugriffe auf den Livestream wurden gesteigert. Mit 160 im Schnitt zum Training gestarteten Fahrzeugen wurde das Vorjahresniveau gehalten.“

„Er sparte nicht mit Selbstkritik“. - Das genügt, um heute weiter eine Serie zu führen, die man eigentlich – so mein Eindruck – nicht verstanden hat. - Breitensportserie? -  Nachdem sich Schlüter mit der Darstellung falscher Zahlen bereits vorher „in die Nesseln gesetzt“ hatte, versuchte er es - dieses Mal anders – mit „160 im Schnitt zum Training gestartete Fahrzeuge“. - Es waren exakt  159,3. - Entsprechend der geltenden „Gesetze“ von Auf- und Abrundung, hätte er eigentlich 159 sagen sollen. - Aber wie hört sich das denn an? - Und was ist „Vorjahresniveau“?

Alles wird „geschönt“ dargestellt, niemand nimmt die reale Situation ernst, versucht sie zu verbessern, der Zuordnung „Breitensport“ wieder einen Sinn zu geben. Bei der in dieser Saison geltenden Flaggenreglung des DMSB, hatte sich der neue VLN-Renndirektor z.B. mit seiner Argumentation gegenüber dem nationalen Ableger der FIA nicht verständlich machen und durchsetzen können.

Nun hat augenscheinlich die ILN, die Interessengemeinschaft Langstrecke Nordschleife, die Führung in dieser Sache übernommen. Denn von dort kommt die erste Information, dass man sich in der Sache – abgesehen von einer „Kleinigkeit“ – nun im Interesse der VLN beim DMSB durchgesetzt hat. Der das verkündet ist der 1. Vorsitzende der ILN, Martin Rosorius, der dem Team „Black Flacon“ als „Berater“ zugerechnet wird. - Der Vertreter eines „Bezahl-Teams“ steht an der Spitze eines Vereins, der die Interessen einer „Breitensportserie“ wahr nehmen soll!

Über Herrn Rosorius ist im Internet zu lesen:

„Schon in jungen Jahren entwickelte er ein großes Interesse an den schönen Dingen des Lebens. Insbesondere Sport- und Luxusautomobile, sowohl historische als auch aktuelle Modelle haben es ihm angetan. Im Bereich Mobilität genießt er es aber auch, in entschleunigter und entspannter Atmosphäre Edelbrände und Zigarren zu verkosten.“

Das ist dann sozusagen der Gegenpart zum Vertreter des DMSB, der gerne in „Birkenstock“-Schuhwerk auftritt. Ich habe versucht mein Wissen um Details seiner beruflichen Entwicklung offiziell abzuklären, bin aber leider bis heute ohne Antwort geblieben.

Ich weiß wirklich nichts von der sportlichen Vergangenheit – und deshalb Erfahrung – des Sportdirektors des DMSB, der mir auch als Leiter des DMSB-Sicherheitsausschusses bekannt ist. Darüber habe ich in meiner Anfrage den DMSB auch informiert und gleichzeitig die Fragen gestellt:

„Welche persönlichen Erfahrungen hat Herr Günther im Motorsport?
a) z.Zt. der DDR?
b) in der Bundesrepublik?“

Um mein Nachfragen mit einem Recherche-Ergebnis abzuschließen, das ich gerne offiziell bestätigt bekommen hätte:

„Er war in der DDR - soweit ich hörte - Leiter einer Rasenmäher-Brigade.“

Leider habe ich bis heute keine Antwort erhalten. - Wenn sie noch eingehen sollte, wird sie hier ohne jede Kürzung und Korrektur veröffentlicht. - Versprochen!

Der Motorsport in Deutschland braucht einen Rahmen. Er braucht Führungspersönlichkeiten, die auch „Visionisten“ sind, eine Vorstellung von dem haben, welche Position eine Motorsport-Serie wie die VLN in der Zukunft des Motorsports haben wird. - Haben muss! - Und die die Weichen entsprechend stellen.

Was die aktuelle Besetzung der Führungsposition bei dieser Breitensport-Serie betrifft, habe ich da meine Bedenken.

  • Man kann eine „Breitensportserie“ nicht ausschließlich an den Interessen der Industrie ausrichten! - Zumal deren Interesse – wie man weiß – nicht ewig währt!

Darum werden bei Motor-KRITIK auch keine aktuellen Pressemitteilungen abgeschrieben, sondern die bestenfalls als Anregung für eigene Recherchen genutzt, die ihre Basis im eigenen Erleben haben.

So ist auch diese Geschichte entstanden.

Mein Dank gilt allen, die am Entstehen beteiligt waren.

MK/Wilhelm Hahne
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